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vom 1. bis 6. Oktober 2013
Querelle

querelle
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querelle
Rainer Werner Fassbinder, Deutschland 1982, 35mm,
  Der junge Matrose Querelle ist auf dem französischen Zerstörer "Vengeur" in den Hafen von Brest eingelaufen. Es zieht ihn sofort in das Hafenbordell "Feria", um einen heißen Opium-Deal abzuwickeln. Schnell wird er mitdem dunkelhäutigen Wirt Nono handelseinig. Den Stoff schmuggelt Querelle mit Hilfe eines jungen Kameraden von Bord. Nach der geglückten Aktion lockt er ihn in einen Garten und bringt ihn kaltblütig um. 

Das Opium übergibt er Nono, mit dem er zudem ein riskantes Würfelspiel spielt. Gewinnt er, darf er sich Nonos frivole Frau Lysiane nehmen. Verliert er, hat er dem stämmigen Nono selbst zu Diensten zu stehen. Er verliert. Willig beugt er sich über den Tisch und läßt Nonos Eroberung in einem Rausch aus Schmerz, Neugier und Lust über sich ergehen. Es ist das erste Mal, daß er es mit einem Mann treibt. Bald wird es zu Droge. Empfindet er diese Hingabe als Erniedrigung, glaubt er dennoch, daß ihm dieser Akt - eine Art Hinrichtung und Sühne für den Mord - seine gewohnt selbstsichere, anziehende Ausstrahlung zurückgeben kann. 

Tatsächlich verfallen alle, die ihm in dieser engen, intimen Hafenwelt begegnen, der lasziven Schönheit Querelles: sein Vorgesetzter, Leutnant Seblon, der an der abgöttischen heimlichen Liebe zu ihm krankt und mittels Diktiergerät minüitiös Tagebuch über seine Sehnsüchte und quälende Selbstbefriedigung führt; der durchtriebene Leder-Polizist Mario, der mit seiner Männlichkeit prahlt; und die verwegene Bordellchefin Lysiane. 

Querelles eigene Liebe gehört dem Arbeiter Gil. Er ist ein Mörder wie er. Und doch sind ihre Charaktere und Motive verschieden. Querelle mordet bewußt, leidet und genießt daran, will sogar eine neue Moral damit setzen. Gil dagegen tötet im Jähzorn, ist für den Matrosen ein Mörder ohne Bewußtsein. Im halbverfallenen Bagno, wo Gil sich versteckt, kommen die beiden Kerle sich näher. Über sexuelles Verlangen entstehen Zuneigung und Liebe. Gil wird sein einziger Freund. Und doch verrät Querelle ihn an die Polizei ... 


Unvorhersehbar und entgegen vieler verstörter Kritiker-Aufschreie - "Querelle" wurde Fassbinders Vermächtnis. Es ist nicht nur sein letzter, sondern sein radikalster und perfektester Film. Der Stoff, die Atmosphäre und die Besetzung sind wie in keinem seiner Werke zuvor akribisch genau aufeinander abgestimmt. 

Der Stoff: Jean Genets Drama seiner eigenen Selbstbehauptung gegenüber der ihn tretenden und daher verhaßten Gesellschaft. Der provozierende Aufschrei eines bewußt moralisch und sexuell "anormalen" Außenseiters. Der 1953 erschienene, zeitweise verbotene und nur unter dem Ladentisch gehandelte Roman ließ Fassbinder nicht ruhen. 

Die Atmosphäre: "Oscar"-Preisträger Rolf Zehetbauer ("Cabaret") baute ihm für 1,7 Millionen D-Mark eine vibrierende Studio-Welt, aus der es für Darsteller und Zuschauer kein Entrinnen mehr gibt. Ein von pittoresken Phallus-Symbolen umstelltes Revier, eine Pflasterstraße ins Nichts, ein Schleier aus grellem Gelb und Orange sowie stichigem Blau. Ein glühender, brodelnder Vorhof zur Hölle. Produzent Dieter Schidor: "Die Dicke wollte eine ganz geile Atmosphäre, schon bei den Proben. Die hat sich ja dann auch eingestellt." Seine Schauspieler nahm Fassbinder davon nicht aus. Schidor: "Franco Nero mußte sich ständig an den Schwanz fassen und sagen 'Ich fühl' mich ganz als Frau ohne Busen!'. Er hat zwar gejammert, aber ...!" 

Die Besetzung: In keinem seiner Filme hat Fassbinder sein Idealbild vom Mann in so geballter Ladung nebeneinander besetzt: Nero, Davis, Malet, Kaufmann, Pöschl und Driest. Bodybuilder und Muskelprotze mußten es sein. Vermeintliche und reale Protagonisten einer schwulen Aura aus Schweiß und Geruch. Nur eine "Femme fatale" vom Schlage Jeane Moreaus konnte in diesem Kerl-Kessel bestehen. 

Dieser ungewollte Abschiedsfilm zehrte auch an Fassbinder selbst. Von seinen Depressionen, seinem Tabletten-, Drogen- und Weißbierkonsum wußten sie alle. Noch bevor "Querelle" am 17.09.1982 ins Kino kam, trugen sie ihn am 16.06.1982 gemeinsam zu Grabe.

 (aus: Hermann J. Huber, "Gewalt & Leidenschaft", Berlin 1989)