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vom 30. September bis 5. Oktober 2013
Nachtschwärmer

nachtschwaermer
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Edgardo Cozarinsky, Argentinien/Frankreich 2005, d

Den dramaturgischen Hintergrund bildet die Nacht von Allerheiligen, in der sich dem traditionellen Volksglauben zufolge die Pforte zwischen irdischem und Totenreich auftut und die Verstorbenen zurückkehren, um ihre Geliebten zu sich zu holen. Eine besondere Nacht also, die für den 19-jährigen Victor zunächst aber wie so viele Nächte davor beginnt. Er rauscht durch die Straßen seines „Reviers“ in Buenos Aires, wo es nie dunkel wird und die Nacht milde bleibt. Im flirrenden Zwielicht von Straßenlaternen, Cafés, Bars und Reklameschildern fühlt sich Victor in seinem Element. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Stricher und Drogendealer. Den Stoff versteckt er in der Unterhose, die Geldscheine in den Schuhen. Er ist jung, hübsch, trägt schicke Klamotten und genießt den Moment, für den er lebt. Ausgelassen spielt er mit ein paar Kindern Fußball und schwärmt dann stolz, beschwingt weiter durch die Nacht. Natürlich hat das alles seinen Preis. Ein Kommissar holt Victor regelmäßig zum Sex im Auto ab. Der Polizist zahlt nicht, verspricht dafür aber Protektion. Hinterher öffnet sich die Tür und das gebrauchte Kondom landet im Dreck. Die Obdachlosen, die nur ein paar Meter weiter zusammenhocken, nehmen davon längst keine Notiz mehr.

Dann geschieht etwas Merkwürdiges. Aus einem fahrenden Auto heraus beobachtet Victor ein junges Pärchen auf dem Bürgersteig, das sich leidenschaftlich küsst. Plötzlich stößt die junge Frau ihren Geliebten vor einen vorbeifahrenden Lastwagen, sie lächelt zufrieden und verschwindet. Das Auto, in dem Victor sitzt, fährt weiter. Er sagt nichts, aber von nun an ist alles anders. Victors Scheinwelt fällt in sich zusammen. Das Gespenstische, das wohl schon immer in seiner Realität nistete, verselbständigt sich. Mit einem Mal wirkt Victor müde, er schleppt sich durch die Nacht, in der er noch zwei alte Bekannte treffen und auf mysteriöse Weise wieder verlieren wird. Es ist schließlich Allerheiligen. Das sind die Stunden, in denen die Toten zurückkehren.

Mit traumwandlerischer Sicherheit balanciert Cozarinskys „Der Nachtschwärmer“ auf der Schwelle zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem, Realität und Fantasie. Die künstlich helle Nacht der Metropole schafft eine surreale Atmosphäre, in der Wahn und Wirklichkeit ineinander fließen. Bizarrerweise sind es erst die übernatürlichen, geisterhaften Begegnungen, die Victor die Augen für ein Leben öffnen, von dem er sich schon lange zurückgezogen hat.